Khumbu-Eisbruch: Warum dieser Abschnitt am Everest so gefährlich ist
Der Khumbu-Eisbruch ist ein ständig bewegtes Gletscherfeld oberhalb des Everest Base Camps. Nur Gipfelbesteiger auf dem Weg zu Lager 1 und 2 gehen hindurch, Trekker nie. Was das Eis so instabil macht und wer die Route jede Saison neu sichert.
Passang Dawa SherpaSenior Climbing Guide6. August 2026
Der Khumbu-Eisbruch ist der oberste und am stärksten zerrissene Teil des Khumbu-Gletschers, zwischen dem Everest Base Camp auf etwa 5.364 Metern und Lager 1 auf rund 6.000 Metern. Er gehört zur Normalroute über den Südsattel, dem klassischen Weg auf den Everest von Nepal aus, und gilt seit Jahrzehnten als einer der gefährlichsten Abschnitte der ganzen Besteigung. Für Trekker gilt etwas anderes. Der Eisbruch beginnt erst oberhalb des Base Camps, und wer zum Base Camp und auf den Kala Patthar wandert, sieht ihn höchstens von unten. Betreten wirst du ihn nicht. Dieser Artikel ist für alle, die wissen wollen, wie es jenseits des Base Camps weitergeht.
Wo der Eisbruch liegt und wer hindurchgeht
Der Khumbu-Gletscher fließt aus dem Western Cwm, einem Hochtal zwischen Everest, Lhotse und Nuptse, talwärts. Wo das Gelände steil abfällt, bricht das Eis zu einem Labyrinth aus Spalten, Türmen und Blöcken auf. Durch dieses Gelände gehen nur Expeditionen, die den Gipfel über die Südroute versuchen, meist mehrmals pro Saison, um Material und Vorräte in die höheren Lager zu bringen. Wir bieten keine Everest-Besteigungen an, dieser Artikel will nur erklären. Was Höhe mit dem Körper macht, vom Trekking bis zum Gipfel, steht in unserem Ratgeber zu Höhenkrankheit und Akklimatisierung.
Was den Eisbruch so gefährlich macht
Jeder Gletscher fließt talwärts. Im Eisbruch geht das besonders schnell und unregelmäßig, weil der Untergrund steil abfällt. So entstehen Séracs, turmartige Eisblöcke, manche mehrere Stockwerke hoch, die ohne Vorwarnung kippen oder zerbrechen können. Dazwischen öffnen und verschieben sich laufend Spalten, manche so breit, dass nur Leitern hinüberführen. Eine Route, die gestern sicher war, kann morgen unpassierbar sein. Am stabilsten ist das Eis früh am Morgen, solange die Kälte es zusammenhält, und wenn die Sonne es tagsüber antaut, wird es beweglicher. Deshalb brechen Expeditionen oft schon vor Sonnenaufgang auf.
Die Icefall Doctors
Vor jeder Frühjahrssaison schickt das Sagarmatha Pollution Control Committee zusammen mit den Expeditionsagenturen ein Team erfahrener Sherpa-Bergsteiger in den Eisbruch, die Icefall Doctors. Sie suchen eine begehbare Linie durch das Eis, markieren sie, legen Leitern über Spalten, verankern Fixseile und warten die Strecke die ganze Saison über. Einmal bauen reicht nicht. Weil der Gletscher weiterfließt, kontrollieren sie die Route immer wieder, verlegen Leitern, wenn sich Spalten verschoben haben, und sperren Stücke, die zu instabil geworden sind. Unter Everest-Bergsteigern gilt diese Arbeit als eine der schwersten und verantwortungsvollsten der Saison, denn jedes Team, das durch den Eisbruch geht, verlässt sich auf ihre Route.
Wie eine Durchquerung abläuft
Steigeisen, Klettergurt, Stirnlampe. Die Teams starten lange vor Sonnenaufgang, um möglichst viel Strecke zu schaffen, bevor die Sonne das Eis antaut. Fixseile sichern den Weg, und jeder hängt sich mit einer Klemme ein, sodass ein Sturz in eine Spalte nicht im freien Fall endet. Über Spalten führen zusammengebundene Aluleitern, manchmal eine, an breiten Stellen mehrere hintereinander. Sie liegen frei über dem Eis, du gehst mit Steigeisen auf den Sprossen, und unter dir reicht die Spalte oft Dutzende Meter in die Tiefe.
Die Climbing Sherpas der Expeditionen gehen in einer Saison viel öfter durch den Eisbruch als ihre Kunden, weil sie immer wieder Zelte, Ausrüstung und Sauerstoffflaschen in die höheren Lager tragen. Diese vielen Durchquerungen, oft früh am Morgen und unter Zeitdruck, sind ein Grund, warum ihre Arbeit am Everest als besonders riskant gilt. Wie sich dieser Beruf vom Trekkingguide unterscheidet, steht in unserem Artikel über Trekkingguides im Khumbu.
Warum gerade dieser Abschnitt
Seit den ersten Expeditionen in den 1950er-Jahren gilt der Eisbruch unter Bergsteigern und in der Everest-Literatur als einer der gefährlichsten Abschnitte der Südroute, oft als der gefährlichste überhaupt. Die Höhe ist dabei nicht das Problem, denn Lager 1 liegt tiefer als alles, was danach kommt. Das Problem ist das Gelände. Ein Untergrund, der sich bewegt, lässt sich mit keiner Vorbereitung und keiner Kondition ganz kontrollieren, und Wetter oder Erfahrung ändern daran wenig. Wie viele Menschen genau im Eisbruch verunglückt sind, schwankt je nach Quelle und Zeitraum, und eine einzelne seriöse Zahl gibt es nicht. Unbestritten ist, dass ein großer Teil der Unfälle auf der Südroute in diesem vergleichsweise kurzen Stück passiert ist, viel mehr, als seine Länge erwarten ließe. Was weiter oben in der Todeszone dazukommt, erklärt unser Artikel zur Todeszone am Everest.
Was du vom Base Camp aus siehst
Das Base Camp liegt auf dem flacheren, ruhigeren Teil des Gletschers, wo im Frühjahr die Zelte der Expeditionen stehen. Von dort siehst du den unteren Rand des Eisbruchs, ein aufgetürmtes, weißblaues Eisfeld, das sich deutlich vom Gletscher darunter abhebt. Hier wird vielen klar, was eine Gipfelbesteigung zusätzlich bedeutet: ein Schritt hinaus aus der Welt der Wanderwege und hinein in Eis, Leitern und Fixseile, mit Risiken, die kein Trekker auf sich nimmt. Dein Weg endet genau da, wo die technische Kletterei beginnt, und diese Grenze siehst du am Everest Base Camp mit eigenen Augen.
Fragen
Häufige Fragen
Gehen Trekker durch den Khumbu-Eisbruch?
Wer sind die Icefall Doctors?
Warum starten Expeditionen vor Sonnenaufgang in den Eisbruch?
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