Bön in Dolpo: die alte Religion am Phoksundo-See
In Ringmo am Phoksundo-See gehen die Menschen gegen den Uhrzeigersinn um ihre Chörten. Das Dorf folgt der Bön-Religion, die in Tibet älter ist als der Buddhismus.
Ajay ShresthaGründer & Geschäftsführung29. Oktober 2026
Am Ufer des Phoksundo-Sees in Dolpo steht ein Chörten, um den die Menschen aus Ringmo andersherum gehen als fast überall sonst im Himalaya. Sie umrunden ihn gegen den Uhrzeigersinn. Ringmo ist ein Dorf der Bönpo, der Anhänger der Bön-Religion, die in Tibet schon verbreitet war, bevor dort der Buddhismus ankam. In Nepal gibt es nur wenige Orte, an denen diese Religion bis heute den Alltag eines ganzen Dorfes prägt. Ringmo ist einer davon.
Was Bön ist
Bön ist eine Religion aus dem tibetischen Raum. Ihre Anhänger führen sie auf den Lehrer Tönpa Shenrab zurück und auf das alte Königreich Zhangzhung im Westen Tibets, das schon vor dem 7. Jahrhundert bestand. Als der Buddhismus nach Tibet kam, verdrängte er Bön über Jahrhunderte aus dem Zentrum der Macht. Die Religion überlebte in Klöstern und abgelegenen Tälern.
Heute sehen Bön und tibetischer Buddhismus für Besucher auf den ersten Blick ähnlich aus. Es gibt Klöster, Mönche, Gebetsfahnen, Manisteine und Chörten. Die Unterschiede liegen in den Details. Bönpo umrunden heilige Orte gegen den Uhrzeigersinn, drehen ihre Gebetsmühlen in diese Richtung und verehren eigene Gründerfiguren und Gottheiten. Ihr Mantra lautet Om Matri Muye Sale Du, und Buddhisten sprechen stattdessen Om Mani Padme Hum. Ihr heiliges Zeichen ist das Yungdrung, eine nach links gedrehte Swastika. Mit dem Hakenkreuz hat es nichts zu tun. Es steht für Beständigkeit und ist im ganzen tibetischen Raum seit Jahrtausenden verbreitet.
Ringmo und das Kloster am See
Ringmo liegt auf rund 3.600 Metern am Südende des Phoksundo-Sees, auf dem Schuttwall eines alten Bergsturzes, der den See einst aufgestaut hat. Das Dorf hat etwa 50 Häuser aus Stein mit flachen Dächern. Im Sommer leben hier rund 200 Menschen.
Eine Viertelstunde am Seeufer entlang liegt das Kloster Thasung Tsholing. Ein Lama aus dem Tre-Clan hat es gegründet, und nach der Überlieferung wählte er den Ort, um die Jagd am See zu beenden und die Lehre des Bön zu verbreiten. Im Dorf stehen Chörten mit Bön-Symbolen, und auf vielen Steinen am Weg ist das Bön-Mantra eingemeißelt. Wenn du um einen Chörten gehst, dann geh wie die Leute aus Ringmo, gegen den Uhrzeigersinn.
Buddhisten und Bönpo in Dolpo
Dolpo ist kein reines Bön-Gebiet. Im Tarap-Tal sind die meisten Menschen Buddhisten, und das einzige Bön-Dorf dort ist Shipchok, mit einem alten Kloster, dessen Wandmalereien über 600 Jahre alt sein sollen. Nicht weit von Ringmo liegt das Dorf Pungmo mit einem eigenen Bön-Tempel. In Dunai, dem Hauptort des Distrikts, gibt es eine Internatsschule für Kinder aus Bön-Familien.
Im Alltag leben beide Gemeinschaften nebeneinander. Sie teilen Sprache, Kleidung, Hausbau, Yakzucht und den Handel über die Pässe nach Tibet. Welche Religion ein Dorf hat, erkennst du oft erst an der Richtung, in der die Leute um die Manimauer gehen.
Warum Dolpo so lange abgeschieden blieb
Dolpo liegt im Westen Nepals hinter dem Dhaulagiri-Massiv, und eine Straße ins Innere gibt es bis heute nicht. Für Ausländer war der ganze Distrikt bis 1989 gesperrt. Im Mai 1989 öffnete Nepal den südlichen Teil, und auch das Untere Dolpo um Phoksundo und Tarap ist bis heute Sperrgebiet, für das du eine Sondergenehmigung brauchst. Was das für dich bedeutet, erklärt der Ratgeber Sperrgebiete in Nepal.
Bekannt wurde Dolpo im Westen durch Bücher und einen Film. Der Brite David Snellgrove beschrieb die Klöster der Region nach einer Reise 1956 in seinem Buch Himalayan Pilgrimage. Peter Matthiessen wanderte 1973 nach Shey im Oberen Dolpo und schrieb darüber Der Schneeleopard. Der Spielfilm Himalaya, gedreht in Dolpo mit Laien aus der Region, war im Jahr 2000 für den Oscar nominiert.
Bön am Kailash und in Mustang
Für Bönpo ist der Kailash in Tibet der heiligste Berg, und auch dort gehen sie die Pilgerrunde gegen den Uhrzeigersinn, während Buddhisten und Hindus im Uhrzeigersinn laufen. Mehr zum Berg steht im Beitrag Der Kailash. In Nepal findest du Bön-Spuren außerdem in einzelnen Dörfern in Mustang, und die tibetische Klosterkultur dort zeigt am besten das Tiji-Festival in Lo Manthang.
Ringmo selbst erleben
Nach Ringmo kommst du nur zu Fuß. Unser Lower-Dolpo-Trek führt in 19 Tagen über das Tarap-Tal und zwei Pässe über 5.000 Meter zum Phoksundo-See und hat dort einen Ruhetag, an dem du das Dorf und das Kloster besuchen kannst. Was die Region sonst ausmacht, steht auf der Seite zur Dolpo-Region.
Passende Tour
Mehr aus Kultur & Geschichte
Alle ArtikelTihar 2026: Nepals Lichterfest vom 7. bis 11. November
Fünf Tage lang ehrt Nepal Krähen, Hunde, die Göttin Laxmi und am Ende die eigenen Geschwister. Was an welchem Tag passiert und was Tihar für deine Reise heißt.
Langtang und das Erdbeben 2015: ein Dorf unter dem Eis und sein Neubeginn
Am 25. April 2015 löste das Erdbeben in Nepal über dem Dorf Langtang eine gewaltige Lawine aus Eis und Fels aus. In wenigen Minuten war fast das ganze Dorf verschüttet. Heute ist das Tal wieder bewohnt, die Lodges sind neu gebaut, und wer zum Kyanjin Gompa wandert, geht über das Geröll von damals.
Die Tamang: Nepals Bergvolk rund um das Kathmandu-Tal
Wer von Kathmandu nach Norden fährt oder in Helambu und im Langtang wandert, ist im Land der Tamang. Mit gut 1,6 Millionen Menschen sind sie eine der größten Volksgruppen Nepals. Ein Überblick über ihre Herkunft, ihren Glauben, ihre Feste und darüber, wo du ihnen auf einer Reise begegnest.
