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Kultur & Geschichte

Die Geschichte des Mount Everest

Der Mount Everest wurde im 19. Jahrhundert von britischen Landvermessern erfasst und benannt, aber erst 1953 zum ersten Mal bestiegen. Seine heutige, offiziell anerkannte Höhe von 8.849 Metern steht erst seit 2020 fest.

Passang Dawa SherpaSenior Climbing Guide4. August 2026

Der Mount Everest im Abendlicht

Der Mount Everest ist mit 8.849 Metern der höchste Berg der Erde, eine Zahl, die erst seit einer gemeinsamen Vermessung Nepals und Chinas im Jahr 2020 offiziell feststeht. Seinen englischen Namen erhielt er im 19. Jahrhundert durch britische Landvermesser, seine einheimischen Namen Sagarmatha und Chomolungma sind älter und stammen aus Nepal und Tibet. Bestiegen wurde der Gipfel zum ersten Mal 1953, durch Edmund Hillary und Tenzing Norgay, nachdem britische Expeditionen der 1920er-Jahre daran gescheitert waren. Seither hat sich das Bergsteigen am Everest von einem seltenen nationalen Prestigeprojekt zu einer, wenn auch anspruchsvollen, planbaren Expedition entwickelt. Diese Geschichte prägt bis heute, wie Reisende den Berg erleben, ob als Ziel einer Gipfelexpedition oder als Fixpunkt eines Treks zu seinem Fuß.

Vermessung und Namensgebung im 19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert vermaß der Great Trigonometrical Survey of India große Teile des indischen Subkontinents, darunter auch die Gipfel des Himalaya. Die Landvermesser peilten die Berge von weit entfernten Stationen aus mit Theodoliten an, denn eine Annäherung an die Gipfel selbst war zu dieser Zeit weder möglich noch beabsichtigt. Es ging um Kartierung, nicht um Besteigung. Der Berg trug intern zunächst die Bezeichnung Peak XV. Als Berechnungen zeigten, dass er alle anderen bekannten Gipfel überragt, benannte ihn der damalige Leiter der Vermessungsbehörde, Andrew Waugh, nach seinem Amtsvorgänger Sir George Everest. Das war ungewöhnlich, denn die Behörde bevorzugte eigentlich vorhandene lokale Namen, die zu diesem Zeitpunkt aber nicht eindeutig bekannt waren. George Everest selbst hat den Berg nie gesehen und soll sich später sogar gegen die Benennung nach seiner Person ausgesprochen haben.

Sagarmatha und Chomolungma: die einheimischen Namen

In Nepal heißt der Berg Sagarmatha, ein Name, der sich sinngemäß mit Stirn des Himmels oder Haupt des Himmels übersetzen lässt. Auf tibetischer Seite ist die Bezeichnung Chomolungma gebräuchlich, was etwa Göttinmutter der Welt bedeutet und in der Region seit Langem verwendet wird, lange bevor der Berg im Westen überhaupt bekannt war. Auf nepalesischen Karten und in offiziellen Dokumenten findest du meist Sagarmatha, während Chomolungma vor allem im tibetischen und chinesischen Sprachraum verbreitet ist. Beide Namen verweisen auf die religiöse und kulturelle Bedeutung des Bergs für die Menschen, die in seiner Nähe leben, für die Sherpa-Gemeinschaft im Khumbu ebenso wie für die tibetische Bevölkerung.

Die Höhe: 8.849 Meter

Über Jahrzehnte hinweg galt eine Höhe von 8.848 Metern als Standardwert, festgelegt durch eine indische Vermessung in den 1950er-Jahren. Schneehöhe, geologische Bewegungen in der Region und unterschiedliche Messmethoden führten über die Jahre zu leicht abweichenden Ergebnissen, darunter auch eine chinesische Messung, die nur die Felshöhe ohne Schneekappe berücksichtigte. Nepal und China einigten sich 2020 erstmals auf eine gemeinsame, offizielle Höhe: 8.849 Meter über dem Meeresspiegel. Diese Zahl gilt seither als verbindliche Angabe und beendete jahrzehntelange kleine Abweichungen zwischen nepalesischen, indischen und chinesischen Quellen. Für Reisende ändert die genaue Zahl praktisch wenig, der Everest bleibt so oder so um mehrere Hundert Meter höher als jeder andere Berg der Erde, aber die Einigung von 2020 zeigt, wie sich selbst scheinbar feststehende geografische Fakten mit besseren Messmethoden noch verschieben können.

Die ersten britischen Expeditionen der 1920er-Jahre

Da Nepal für Ausländer lange geschlossen war, unternahmen britische Expeditionen in den 1920er-Jahren die ersten ernsthaften Versuche, sich dem Gipfel zu nähern, über die Nordseite von Tibet aus. Bereits 1921 erkundete eine Rekognoszierungsexpedition mögliche Routen, 1922 folgte ein erster ernsthafter Aufstiegsversuch. Zu den bekanntesten Teilnehmern zählte George Mallory, der an beiden Unternehmungen beteiligt gewesen war. 1924 verschwand er zusammen mit seinem Begleiter Andrew Irvine in der Nähe des Gipfels, beide wurden nie wieder lebend gesehen. Ob sie den Gipfel erreicht haben, bevor sie ums Leben kamen, ist bis heute ungeklärt. Mallorys Leiche wurde erst 1999 gefunden, die von Irvine nie. Die Frage, wie weit die beiden kamen, gehört bis heute zu den großen offenen Rätseln der Bergsteigergeschichte.

1953: Die Erstbesteigung

Ende der 1940er-Jahre öffnete sich Nepal erstmals für ausländische Reisende und Expeditionen, wodurch sich der Zugang zum Everest von Süden aus eröffnete, eine Route, die zuvor nicht zugänglich gewesen war. Die erste nachweislich erfolgreiche Besteigung gelang am 29. Mai 1953 Edmund Hillary aus Neuseeland und Tenzing Norgay, einem erfahrenen Sherpa-Bergsteiger. Sie waren Teil einer britischen Expedition unter der Leitung von John Hunt und erreichten den Gipfel über die Südroute von Nepal aus, über den Südsattel, eine Route, die bis heute die meistbegangene ist. Der Erfolg machte Nepal endgültig zum zentralen Ausgangspunkt für Everest-Expeditionen und rückte die Sherpa-Gemeinschaft der Khumbu-Region als unverzichtbaren Bergsteigerpartner in den Mittelpunkt der Everest-Geschichte.

Vom Gipfelerfolg zur kommerziellen Expedition

Nach 1953 entwickelte sich das Bergsteigen am Everest über mehrere Jahrzehnte von nationalen Prestigeprojekten zu einer zugänglicheren, kommerziell organisierten Unternehmung. In den folgenden Jahren bestiegen weitere Nationalexpeditionen den Gipfel über neue Routen, darunter die Nordroute von Tibet aus, die in den 1960er-Jahren erstmals erfolgreich begangen wurde. 1978 gelang Reinhold Messner und Peter Habeler die erste Besteigung ohne zusätzlichen Sauerstoff, ein Meilenstein, der zeigte, dass der Gipfel auch ohne technische Unterstützung erreichbar ist, wenn auch unter extremen Bedingungen. Ab den 1980er- und vor allem den 1990er-Jahren begannen kommerzielle Expeditionsveranstalter, geführte Touren zum Gipfel anzubieten. Fixseile, feste Hochlager und ein eingespieltes System aus Sherpa-Bergsteigern, die Routen durch den Khumbu-Eisbruch öffnen und Ausrüstung zu den Hochlagern tragen, machten den Gipfel für erfahrene Bergsteiger mit entsprechender Vorbereitung planbarer als in den Jahrzehnten zuvor. Die Rolle der Sherpa-Bergsteiger veränderte sich dabei von Trägern und Begleitern der frühen Expeditionen hin zu eigenständigen Bergführern und Expeditionsleitern, von denen viele selbst mehrfach den Gipfel erreicht haben. Nepal führte zudem ein Permit-System für Expeditionen ein, über das die Regierung die Zahl der Gipfelversuche pro Saison steuert und Einnahmen aus dem Bergsteigertourismus lenkt. Gleichzeitig blieb der Gipfel gefährlich: Wetterfenster, Höhenkrankheit und die Route durch den Eisbruch fordern bis heute Vorbereitung, Erfahrung und Respekt vor dem Berg, unabhängig davon, wie viele Expeditionen ihn in einer Saison versuchen.

Vom Basislager aus zum höchsten Berg der Erde

Die meisten Menschen, die heute in die Everest-Region reisen, steigen nicht selbst zum Gipfel auf, sie erleben die Geschichte des Bergs vom Boden aus. Der Sagarmatha-Nationalpark im Khumbu-Tal ist heute eines der bekanntesten Trekking-Ziele der Welt, und du musst kein Bergsteiger sein, um dorthin zu gelangen. Der Everest Base Camp Trek führt dich ohne technisches Klettern über mehrere Tage durch Sherpa-Dörfer wie Namche Bazaar und Tengboche bis zum südlichen Basislager auf rund 5.364 Metern, dem Ausgangspunkt, von dem aus Hillary und Tenzing Norgay 1953 aufbrachen. Von dort siehst du die Route durch den Khumbu-Eisbruch, die noch heute jede Gipfelexpedition zuerst bewältigen muss, und stehst am Fuß des Bergs, dessen Name, Höhe und Geschichte über anderthalb Jahrhunderte immer wieder neu verhandelt wurden. Unterwegs passierst du Orte, die selbst Teil dieser Geschichte sind: das Kloster Tengboche mit Blick auf den Gipfel, Dingboche und Lobuche als letzte Stationen vor dem Basislager, und den Gipfel des Kala Patthar, von dem aus du den Everest besser siehst als vom Basislager selbst. Wer die Geschichte des Mount Everest verstehen will, findet am Base Camp selbst die konkreteste Version davon: keine Zahl auf einer Karte, sondern Fels, Eis und die Erinnerung an alle, die von hier aus aufgebrochen sind.